Der 8fache Yoga-Pfad        nach Patanjali

Yoga ist weit mehr als Entspannung, weit mehr als Körperübungen. Yoga ist eine ganzheitliche Lebenshaltung. Wenn wir Yoga in unseren Alltag integrieren möchten, finden wir im achtfachen Pfad von Patanjali eine klare Anleitung wie das geht. Die Leitsätze, die Yoga-Sutren, sind besonders hilfreich, wenn wir uns in einer Krise befinden, oder wenn wir einen Sinn in unserem Leben suchen oder wenn wir die Sehn-Sucht haben, unser wahres Selbst zu finden, wenn wir die Unbeständigkeit der äußeren Dinge wahrnehmen. Wir finden darin aber auch Halt in unsicheren Zeiten oder wenn wir einfach nur das Bedürfnis haben, achtsamer und bewusster zu leben. Ich persönlich habe die Yoga-Sutren entdeckt als ich in einer lang anhaltenden tiefen Krise war - burnout. Damals habe ich mich gefragt, warum ich immer wieder die gleichen Probleme habe, warum ich keine Lösung finde und mich im Kreis drehe. Als ich die Yoga-Sutren in solch einer aussichtslosen Situation zum ersten Mal aufgeschlagen hatte, fand ich folgenden Text:

 

Wie können wir Lösungen für schwierige Situationen in unserem Leben finden? Wir sollten uns in einen Prozess begeben, der vier Schritte beinhaltetn: Als erstes müssen wir erkennen, dass wir uns in Schwierigkeiten befinden und wir müssen die Gewissheit erlangen, dass wir diese Schwierigkeiten überwinden wollen. Zweitens gibt es Ursachen für unsere Probleme, und diese Ursachen gilt es zu ergründen. Als drittes müssen wir ein Ziel vor Augen haben, auf das wir uns ausrichten wollen, und zuletzt brauchen wir geeignete Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Wir sollten zukünftiges Leid im Voraus erkennen und vermeiden. Der Sinn unserer Yogapraxis besteht darin, leidvolle Erfahrungen zu vermindern, indem wir mehr Klarheit gewinnen.

 

Damals waren die Yoga-Sutren für mich eine Offenbarung, heute sind sie mein treuer Begleiter durch alle Lebenssitationen. Sie geben mir Halt und Stabilität, Zuversicht und Verrtrauen. Auch wenn ich zwischendurch immer wieder mal von diesem Weg abgekommen bin - besonders wenn es mir blendend ging -, haben mich unangenehme, manchmal auch leidvolle Erfahrungen mehr oder weniger sanft wieder auf den Pfad zurückgeführt. Meine extremen Gefühlsschwankungen wurden weniger, je mehr ich mich an Patanjalis Empfehlungen hielt. Mein Geist wurde klarer, ruhiger, meine Beziehungen herzlicher und mitfühlender. Das Leben wurde einfach schöner, intensiver und bewusster.

Hier zunächst eine kurze Übersicht der 8 Pfade:

1. Pfad - yama: Unsere Haltung gegenüber unserer Umwelt

2. Pfad - niyama: Unsere Haltung gegenüber uns selbst

3. Pfad - asana: Die Praxis der Körperhaltungen

4. Pfad - pranayama: Die Praxis der Atemübungen

5. Pfad - pratyahara: Das Nach-Innen-Richten der Sinne

6.-8 Pfad - dharana, dhyana und samadhi: Stufen der Meditation

(Die folgenden Texte sind frei nach "Über Yoga und Freiheit" von T.K.V. Desikachar, vianova Verlag, die Sutren sind die Originaltexte)

 

Zu jedem Pfad gibt Patanjali viele weitere Hinweise, wie wir seine Empfehlungen in die Praxis umsetzen können:

 

1. Pfad - yama: Unsere Haltung gegenüber unserer Umwelt:

Wie wir mit unserer Umwelt und mit anderen Menschen umgehen, spiegelt nach Patanjali den Zustand unseres Geistes und unserer Persönlichkeitsstrukturen. Wenn wir uns bemühren, die Ursachen für entstandes Leid oder Kummer herauszufinden, wenn wir die Leidverursacher, die klesas, in unserem Geist, in unserem Verhalten erkennen, dann wird sich auch unser Verhalten der Umwelt gegenüber verändern. Die Leidverursacher werden an Kraft verlieren. Oft ist es die Summe der Kleinigkeiten im Alltag: über jemanden schlecht reden, Zwietracht säen, neidisch reagieren, haben wollen, was andere haben, sein wollen wie andere sind. Und wenn du dich doch mal nicht so recht koscher verhältst, spür nach, wie du dich danach fühlst. Mach dir bewusst, warum du doch wieder so reagiert hast, wie du es nicht mehr wolltest. Mit dem Betroffenen reden oder sich entschuldigen tut gut! Karma, die Folgen unserer Handlungen kommen nicht erst im nächsten Leben, sie erfolgen meist umgehend., in Kürze oder später. Wer nicht von den yamas abweicht, egal wo, wann und wie er lebt, wird Klarheit im Umgang mit seinen Mitmenschen, mit seiner ganzen Umwelt erlangen. Patanjali zählt fünf Eigenschaften auf, die wir pflegen sollten, um diesem Zustand immer näher zu kommen. Natürlich können wir nicht alle auf einmal im Blick behalten. Vielleicht konzentrierst du dich am Anfang einen Tag lang oder länger nur auf eine Eigenschaft - auch im Yoga-Unterricht! Sehr hilfreich ist es auch, wenn du dir ein Tagebuch anlegst und deine Erfahrungn aufschreibst. Wichtig ist auch, dass du dabei liebevoll mit dir umgehst, es wird wohl nicht alles ideal sein, vielleicht entdeckst du auch Unangenehme oder Peinliches. Und freu dich über jede neue Erkenntnis, experimentiere auch mit neuen Verhaltensweisen und beobachte, wie deine Familie, Freunde oder Kollegen darauf reagieren.

ahimsa - überlegt und behutsam mit allem umgehen, was lebt, besonders mit den Lebewesen, die hilflos sind oder die sich in Schwierigkeiten befinden.

satya - aufrichtige Verständigung durch Sprache, Gesten und Handlungen

asteya - uns von dem Wunsch nach Dingen zu lösen,  die uns nicht gehören bzw. sie nicht zu begehren

bramacarya - Mässigung in all unserem Tun

aparighrara - die Fähigkeit, uns auf das zu beschränken, was wir brauchen und nur das anzunehmen, was uns zusteht.

 

2. Pfad - niyamas: Unsere Haltung gegenüber uns selbst

sauca - Reinheit, die sich auf unseren Geist, unseren Körper und unsere Umwelt bezieht.

santosha - Bescheidenheit und Zufriedenheit, die darauf beruht, dass wir mit dem glücklich sind, was wir haben, und nicht ständig etwas vermissen, was wir nicht haben.

tapas - das Lösen von Blockaden in unserem Körper und Geist, indem wir in unserem Leben eine gewisse Disziplin einhalten; Disziplin bezieht sich hier vor allem auf Körper- und Atemübungen, auf unsere Ernährung, Schlaf und den Umgang mit Arbeit und Erholung.

svadhyaya - das Studieren und das wiederholte Überprüfen unserer eigenen Entwicklung

isvarapranidhana - Ehrfurcht gegenüber einer höheren Kraft oder das Annehmen unserer eigenen Begrenztheit im Vergleich zu einem alles übergreifenden Bewusstsein (Original: Allwissenheit Gottes)